Foto: Studio Fasching

"Ich freue mich besonders darauf, mehr Zeit mit meiner Familie verbringen zu können"

Mit der Konstituierung des Landtags und der Wahl der neuen Landesregierung am 6. November wechselte Karlheinz Rüdisser von der Regierungsbank in den beruflichen Ruhestand. Rund 40 Jahre war er insgesamt im Amt der Landesregierung tätig, mehr als 20 Jahre als Leiter der Wirtschaftsabteilung, ab 2008 Landesrat und ab 2011 Landesstatthalter. Wir sprachen mit Karlheinz Rüdisser über seine Karriere, besondere Ereignisse und über seine Pläne für den neuen Lebensabschnitt.

Vorarlberger Wirtschaft: Sie kennen die Arbeit im Landhaus sowohl aus der Perspektive des Politikers als auch aus der des Mitarbeiters bzw. Abteilungsleiters. Welche Rolle war Ihnen rückblickend betrachtet lieber? 
Karlheinz Rüdisser: Ich kann nicht behaupten, dass mir diese oder jene Position lieber war. In jeder Rolle gab es viele spannende und herausfordernde Aufgaben und Dinge, die weniger angenehm waren. In der politischen Funktion waren die Zuständigkeiten deutlich breiter gestreut und zur inhaltlichen Arbeit kam eine Vielzahl an Terminen, als Vorstand der Wirtschaftsabteilung konnte ich mich stärker auf einzelne Bereiche konzentrieren und selbst Projekte entwickeln und umsetzen. Auch hatte ich das Glück, dass meine politischen Vorgesetzten stets ein offenes Ohr hatten und speziell die Zusammenarbeit mit Manfred Rein kongenial war. Ich habe meine Aufgaben und meine Arbeit immer sehr gerne gemacht und hatte viel Gestaltungsspielraum, egal in welcher Rolle. 

Was sind aus Ihrer Sicht Meilensteine Ihrer Karriere?
In meiner Laufbahn durfte ich an einer Vielzahl von Projekten mitwirken, viele davon haben sich inzwischen zu bedeutenden Institutionen entwickelt wie der Vorarlberger Verkehrsverbund, Vorarlberg Tourismus, die Fachhochschule, das Energieinstitut, die Wirtschafts-Standort Vorarlberg GmbH (WISTO), die Berufs- und Bildungsinformation Vorarlberg (BIFO) oder die Vorarlberger Telekommunikationsgesellschaft (VTG). Auch konnte ich an vielen strategischen Grundlagen wie dem Wirtschaftsleitbild, dem Mobilitätskonzept, der Wissenschafts- und Forschungsstrategie, der Digitalen Agenda oder dem Tourismusleitbild und an Gesetzen wie zum Beispiel zuletzt an der Novelle des Raumplanungs- und Grundverkehrsgesetzes mitarbeiten. 
Die größte Herausforderung war jedoch in meiner Funktion als Abteilungsvorstand die Bewältigung der Schadensereignisse aus dem Hochwasser 2005. Der damalige Landeshauptmann Sausgruber übertrug mir die Aufgabe die Unternehmen in dieser Krisensituation zu unterstützen und mit Hilfe des Landes den Fortbestand zu sichern. Diese Zeit war sehr intensiv, geprägt von aufwühlenden Bildern und verbunden mit Schicksalen. Gleichzeitig hatte ich die Möglichkeit die Menschen bei der Bewältigung der Krise zu unterstützen und die Lebensgrundlagen wiederherzustellen. 

Neben Ereignissen wie dem von Ihnen erwähnten Hochwasser gab es auch viele wirtschaftliche Umbrüche. Zu Beginn Ihres Berufslebens der Zerfall der Textilindustrie, später der Beitritt zur EU, das Platzen der Dotcom-Blase oder die Finanz- und Wirtschaftskrise. 
Das ist richtig, es war jedenfalls eine bewegte Zeit. In der Reihe der Ereignisse würde ich vielleicht noch den Zerfall der Sowjetunion ergänzen, die Jahrzehnte später die Ausdehnung der Europäischen Union ermöglichte, und von dem Österreich, auch wegen seiner geographischen Lage im Herzen der Union, wirtschaftlich stark profitiert hat. Ebenso zeigen sich daran die zyklischen Bewegungen der Wirtschaft und die zunehmende Bedeutung der Vernetzung und des Austauschs. Vorarlberg ist ein Exportland, mehr als jeder zweite verdiente Euro steht in Zusammenhang mit der Exportwirtschaft. Durch eine Vielzahl von Handelspartnern in verschiedenen Ländern werden Risiken vermindert, eine breite Exportwirtschaft kann also in wirtschaftlich schwächeren Zeiten von Vorteil sein. Diese Diversifizierung nützt bei regional eingeschränkten Problemen wie das z.B. bei der Textilindustrie der Fall wäre. Bei globalen Krisen wie jener von 2008 ist eine entsprechende Breite nicht nachteilig, allerdings zieht eine solche Krise dennoch nicht spurenlos an einem vorbei.

Dennoch konnte Vorarlberg solch schwierige Zeiten gut überstehen, beispielsweise war Kurzarbeit erfreulicherweise eher die Ausnahme als die Regel. 

Im Vergleich mit anderen Regionen hat Vorarlberg sich schneller erholt, neue Stärken aufgebaut und profitiert überdurchschnittlich vom Binnenmarkt. Das wurde auch immer wieder von unabhängigen Stellen bestätigt, wie zuletzt beispielsweise von der deutschen Bertelsmann-Stiftung und University of Sussex.
Diese hervorragende Entwicklung Vorarlbergs lässt sich sicher nicht auf einzelne Einflussfaktoren reduzieren. Ich bin dennoch überzeugt, dass typische und in Vorarlberg geschätzte Eigenschaften –Innovationskraft, Risikobereitschaft, gutes Miteinander, Fleiß, Hausverstand um einige zu nennen – einen wesentlichen Teil dazu beitragen und sich die positive Entwicklung deshalb auch über fast alle Branchen erstreckt. Das ist in erster Linie der Verdienst der Unternehmen mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. À la longue hat auch die Politik über die Bereitstellung entsprechender Rahmenbedingungen einen Anteil daran. 

Sie hatten bisher einen sehr dicht gedrängten Terminkalender, neben der täglichen Arbeit im Büro und unterwegs waren Sie abends und an den Wochenende häufig auf Veranstaltungen anzutreffen. Haben Sie im Ruhestand nun plötzlich einen Überschuss an Zeit? 
(lacht) Ein Überschuss an Zeit ist elegant formuliert, man könnte es auch als Langeweile bezeichnen. Ich kann Ihnen versichern, dass das nicht der Fall ist. 
Es stimmt schon, die Wochen waren häufig lang und intensiv, nicht selten waren es 70 Stunden und mehr, Aktenstudium und Vorbereitungen für den nächsten Tag erfolgten häufig zuhause bis in die Nacht, dadurch war weniger Zeit für andere Aktivitäten. Ich freue mich auf Abende ohne Termine, habe noch einige Berge, die ich besteigen möchte und habe die ein oder andere Reise geplant. Besonders freue ich mich darauf mehr Zeit mit meiner Familie und speziell mit meinem Enkel verbringen zu können. Auch bleibe ich als Aufsichtsrat (Vogewosi, Anm. der Red.) tätig und habe durchaus Anfragen für weitere Tätigkeiten. Falls dann noch ein Überschuss an Zeit bestehen sollte, werde ich diesen mit guten Büchern, Zeit und Gesprächen mit Freunden und einem Quäntchen Ruhe und Erholung kompensieren.

Danke für das Gespräch!




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